«Alles unauffällig» – und doch nicht schwanger: Unerklärte Sterilität verstehen


Viele Paare gehen davon aus, dass eine Schwangerschaft einfach so passiert. Und dann verstreichen Monate zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Anspannung und Unsicherheit wachsen. Es folgt ein Beratungsgespräch, anschliessend Untersuchungen und Abklärungen.

Man hofft auf eine fassbare Ursache – und damit auf eine einfache, klare Lösung. Und dann fällt im Zweitgespräch der Satz: «Es ist alles in Ordnung, wir haben nichts Auffälliges gefunden». Es handelt sich um eine sogenannt unerklärte Sterilität.

Erleichterung, dass nichts Gravierendes gefunden wurde?
aber auch
Enttäuschung und Ratlosigkeit?

Wenn alles in Ordnung ist – warum klappt es trotzdem nicht? Haben wir etwas übersehen? Was machen wir falsch?

Wir erklären Ihnen in diesem Beitrag, was hinter dieser Diagnose steckt und welche Therapie-Möglichkeiten es trotzdem gibt.

Was bedeutet  «unerklärte Sterilität»?

Diese Diagnose wird gestellt, wenn bei einem Paar trotz regelmässigem Sex nach 12 Monaten keine Schwangerschaft eingetreten ist, die Vorgeschichte von beiden keine Hinweise ergibt und alle üblichen Untersuchungen normal sind.

Überprüft werden:

  • Normale Hormonwerte
  • Regelmässiger Eisprung
  • Durchgängige Eileiter (Kontrastmittelultraschall)
  • Unauffällige Gebärmutter
  • Normales Spermiogramm

«Unerklärte Sterilität  oder Infertilität» ist ein schwieriger Begriff, er tönt so endgültig. Besser wäre es, von «unerfülltem Kinderwunsch ohne medizinisch fassbare Ursache» zu sprechen.

Gut zu wissen

Bei vielen Paaren mit dieser Diagnose geht der Wunsch in Erfüllung – spontan oder mit Unterstützung.

Wie häufig kommt das vor?

Es ist eine Diagnose, die verunsichert: einerseits erleichtert, aber auch enttäuscht. Man hat auf einfache und klare Fakten gehofft.  Und deshalb wird viel zu wenig darüber gesprochen. Bei mindestens 15%  der Kinderwunschpaare finden wir mit den üblichen Untersuchungen keine Ursache. Sie sind also nicht allein.

unererklaerte Sterilitaet - suchen was fehlt

Wie versuchen wir uns die «unerklärte (idiopathische) Sterilität» zu erklären?

Wenn wir als Ärztinnen und Ärzte keine medizinische Ursache finden, sprechen wir von «idiopathisch» und hoffen, dass dieser Bereich mit zunehmender Forschung immer kleiner wird. Erklärungsversuche gibt es natürlich - und wahrscheinlich geht es um das Zusammenspiel von sehr feinen biologischen Faktoren.

  • diskrete Veränderungen der Eizellqualität
  • im Spermiogramm nicht sichtbare Funktionsdefekte der Samenzellen
  • nicht fassbare Probleme beim Zusammentreffen von Ei und Spermium
  • die Einnistung in die Gebärmutter, die nicht optimal funktioniert
  • das Timing
  • minimale Endometriose ohne Beschwerden

« Liegt es vielleicht daran, dass wir einfach zu gestresst sind?»

Kurz gesagt: Stress allein ist fast nie der Grund für eine ausbleibende Schwangerschaft.

Wir machen es uns zu einfach, wenn wir alles, was wir medizinisch nicht fassen können, dem Stress, der Psyche zuschreiben. Stress im Alltag oder im Beruf verhindern eine Schwangerschaft in aller Regel nicht – und Millionen von Kinder entstehen weltweit unter sehr stressigen Lebensumständen.

Der unerfüllte Kinderwunsch selbst kann aber sehr belastend werden und die Paarbeziehung, auch der Sex, können darunter leiden. Auch diese Aspekte sind Teil unseres gemeinsamen Gesprächs.

Sollten wir weitere Tests, eine Bauchspiegelung machen?

Eine sehr milde Form der Endometriose, die keine Beschwerden macht und im Ultraschall nicht sichtbar ist, kommt bei jeder dritten Frau mit unerklärter Sterilität vor. Allerdings ist sie ähnlich häufig bei Frauen mit ungestörter Fruchtbarkeit.

Die Diagnose kann nur mit einer Bauchspiegelung (Laparoskopie) gestellt werden.

Gut zu wissen

Auch mit einer minimale Endometriose, wären die Therapieschritte genau gleich wie bei der unerklärten Sterilität.

Aus diesem Grund wird die Bauchspiegelung nicht mehr routinemässig empfohlen, wenn sonst alle Untersuchungen unauffällig sind.

Ist eine spontane Schwangerschaft trotzdem möglich?

Eine spontane Schwangerschaft ist häufig möglich, allerdings mit kleinerer Wahrscheinlichkeit pro Zyklus. Während bei einem jungen Paar ohne Fertilitätsprobleme die Chance pro Zyklus etwas 20-25% beträgt, kann sie bei «unerklärter Sterilität» mit 5-10% pro Zyklus deutlich tiefer sein.

Die reduzierte Chance pro Zyklus gilt übrigens auch bei spätem Kinderwunsch, weshalb wir Frauen über 35  schon nach 6 Monaten zu einer Basisabklärung raten, um ein Problem rechtzeitig zu erkennen.

Alles in Ordnung: Wie lange können wir zuwarten?

Wenn alle Basisabklärungen normal sind, kann auch die Erleichterung im Vordergrund stehen und damit die Frage, wie viel Zeit für die Hoffnung auf eine spontane Schwangerschaft bleibt.

Wichtig ist dabei sicher das Alter der Frau. Bei spätem Kinderwunsch raten wir schneller zu aktivem  Vorgehen. Häufig stellt sich auch die Frage für das Paar, ob ein Therapiebeginn nicht fast weniger belastend ist, als Monat für Monat weiter zuzuwarten. Behandeln oder Warten: Diese Frage klären wir mit Ihnen beiden im Gespräch und entscheiden gemeinsam über den besten Weg. 

Sinnvolle Behandlung – Schritt für Schritt

  1. Hormonelle Unterstützung der Eireifung, Ultraschallmonitoring und optimiertes Timing. Die medikamentöse Stimulation soll diskrete Eizellveränderungen ausgleichen. Zudem kann   Geschlechtsverkehr so gezielt auf die fruchtbarsten Tage gelegt werden.
  2. Insemination (IUI): Die aufbereiteten Spermien werden zum Zeitpunkt des Eisprungs direkt in die Gebärmutter eingebracht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Ei und Spermium aufeinandertreffen. Häufig wird dabei die Eireifung hormonell unterstützt.
  3. In-vitro-Fertilisation (IVF). Wenn die anderen Methoden nicht erfolgreich sind oder das Alter der Frau eine Rolle spielt, kann die IVF-Therapie sinnvoll sein. Dabei werden Eizellen und Spermien im Labor zusammengebracht und der entstandene Embryo wird in die Gebärmutter eingesetzt.

Ein Gedanke zum Schluss

Unerklärte Sterilität kann sich anfühlen wie ein Rätsel ohne Lösung. Wir alle hätten lieber Antworten als offene Fragen. Aber auch mit dieser Diagnose geht der Kinderwunsch für viele Paare mit der Zeit in Erfüllung – spontan oder mit medizinischer Hilfe.

Der Weg zum Wunschkind  kann unterschiedlich lang und belastend sein. Wir begleiten Sie gerne und sind für Sie da.

Autor: Dr. med. Gabriele Rauscher

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